
Cyberkriminelle scheren sich nicht um Landesgrenzen, Ermittlerinnen und Ermittler aber schon – und jedes Land kämpft anders. Das EU-geförderte Projekt CYCLOPES hat fünf Jahre lang Polizeibehörden aus ganz Europa an einen Tisch gebracht, damit niemand dasselbe Werkzeug zweimal erfinden muss. Herausgekommen sind eine Datenbank wie eine Bibliothek, über 100 Berichte und eine preisgekrönte Initiative gegen Phishing – und am Ende kannst du testen, ob in dir ein Cyberermittler steckt.
Eine Phishing-Seite lässt sich in wenigen Minuten aufsetzen, ihre Opfer sitzen in einem Land, die Server in einem zweiten und die Täter womöglich in einem dritten. Für die Polizei ist das ein Albtraum: Ihre Zuständigkeit endet an der Grenze, und jede Behörde hat eigene Methoden, eigene Programme und eigene Erfahrungen. Rashel Talukder – an der Spitze der Polish Platform for Homeland Security und verantwortlich für die Koordination von CYCLOPES – bringt das Problem auf den Punkt: „Cyberkriminalität entwickelt sich rasant weiter, was von den Strafverfolgungsbehörden verlangt, sich kontinuierlich an neue Technologien und kriminelle Methoden anzupassen.“
Hinzu kommt, dass Europa kein einheitliches Vorgehen kennt. „Die Ansätze in Europa unterscheiden sich, sodass die Gefahr besteht, dass unsere Bemühungen zur Verbrechensbekämpfung zersplittert sind, was zu Doppelarbeit und versäumten Erkenntnissen führt, die wir gewinnen könnten; deshalb ist Zusammenarbeit erforderlich“, so Talukder.
CYCLOPES – ausgeschrieben „Fighting Cybercrime – Law Enforcement Practitioners' Network“ – lief vom 1. Mai 2021 bis zum 30. April 2026 und wurde im Rahmen von Horizont 2020 mit rund 3,5 Millionen Euro (genau 3 499 881,25 Euro) vollständig von der EU finanziert. Koordiniert wurde es von der Polnischen Plattform für innere Sicherheit (Polska Platforma Bezpieczeństwa Wewnętrznego).
Statt am Schreibtisch zu planen, gingen die Verantwortlichen zu den Praktikern. In 15 Präsenzworkshops mit europäischen Strafverfolgungsbehörden suchten sie nach Lücken in den Fähigkeiten der Ermittler, fragten nach ihrem Bedarf im Alltag und sprachen über kommende Herausforderungen. „Wir wollten direkt von denjenigen vor Ort hören, die an vorderster Front gegen diese Bedrohung kämpfen“, erklärt Talukder.
Die Workshops drehten sich um die Bereiche, in denen sich Cyberkriminalität heute besonders stark verändert:
Aus den Erkenntnissen der Workshops entstand eine umfangreiche Datenbank mit Werkzeugen und Lösungen. Die Idee dahinter ist einfach. „Es ist eigentlich wie eine Bibliothek“, sagt Talukder. „Wenn eine Behörde auf ein Problem stößt, kann sie in der Datenbank nachsehen, ob sich eine andere Behörde bereits mit demselben Problem befasst hat und wie sie dabei vorgegangen ist.“ Wer so nachschlagen kann, spart Zeit und Geld – und muss nicht bei null anfangen.
Wie gut dieser Austausch in der Praxis funktionieren kann, zeigt ein Workshop in Stockholm. Dort diskutierten Vertreter der belgischen Bundespolizei und des niederländischen Instituts TNO, wie man Phishing proaktiv erkennt, und tauschten Wissen und praktische Erfahrungen aus. Daraus entstand PhishNemo, später eine preisgekrönte belgische Initiative. Sie ermöglichte es, rund 1 600 bösartige Phishing-Websites frühzeitig zu blockieren, und half, mehr als 120 000 potenzielle Opfer zu schützen.
Laut Talukder zeigt das Beispiel, dass das Zusammenbringen von Fachleuten aus verschiedenen Organisationen und Ländern eine nachhaltige Wirkung entfalten kann, die über die formalen Ziele eines Projekts hinausgeht.
CYCLOPES blickte auch nach vorn: Das Projekt untersuchte, wie neue Technologien die Ermittlungen im Bereich der Cyberkriminalität verändern werden. Jährliche Zukunftsprognosen sollten den künftigen Bedarf der Ermittler rund um das Dark Web und das Quantencomputing vorwegnehmen. Insgesamt entstanden mehr als 100 Berichte. Einige bleiben wegen ihres operativen Charakters vertraulich, viele sind jedoch auf der Website des Projekts öffentlich zugänglich.
Wichtig war zudem die laufende Zusammenarbeit mit den großen europäischen Akteuren der Cyberkriminalitätsbekämpfung: Europol, der Generaldirektion HOME der Europäischen Kommission, EACTDA, ECTEG und EJCN.
Das Projekt ist beendet, das Netzwerk nicht. Die Polnische Plattform für innere Sicherheit bleibt als Sekretariat des CYCLOPES-Netzwerks aktiv. Über die technischen Ergebnisse hinaus hat das Projekt nach Talukders Worten gezeigt, dass Vertrauen, persönliche Beziehungen und langfristige berufliche Netzwerke für eine erfolgreiche internationale Zusammenarbeit gegen Cyberkriminalität nach wie vor grundlegend sind. Der Blick geht nach vorn: „Wir beabsichtigen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass Forschungs- und Innovationsaktivitäten künftig direkt auf operative Anforderungen eingehen“, erklärt Talukder.
CYCLOPES hat gezeigt, dass Europas Polizeien im Kampf gegen Cyberkriminalität vor allem eines brauchen: einander. Aus 15 Workshops, einer Werkzeugdatenbank und mehr als 100 Berichten ist ein Netzwerk gewachsen, das weiterarbeitet. Mit PhishNemo gibt es sogar ein messbares Ergebnis – rund 1 600 blockierte Phishing-Seiten und mehr als 120 000 geschützte potenzielle Opfer. Wer sich für Cybersicherheit interessiert, sieht hier, wie viel Teamarbeit hinter erfolgreichen Ermittlungen steckt.
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